Geschichte der Mühle Ritzenried

Mühle Ritzenried um 1910: Archiv Dietmar Reinstadler

Die Anfänge der Mühle

Die ersten urkundlichen Erwähnungen eines Müllers in Ritzenried finden sich für den Beginn des 17. Jahrhunderts. In den Jahren 1602 und 1607 wird Ulrich Melmer als Müllermeister ebendort erwähnt. Zu dieser Zeit hatte sich Ritzenried, das erstmals 1312 in den Quellen belegt ist, von einem Eigengut der Hirschberger von Wenns zu einer bäuerlichen Siedlung entwickelt.

Die Mühle verfügte 1620 über zwei Mahlsteine, eine Getreidestampf und einen Flachsbleuer, was der üblichen Ausstattung der Getreidemühlen im Pitztal entsprach. Gegen Ende der 1620er Jahre erfolgte ihr Neubau (1629 wird sie als „neu und schön“ beschrieben), infolge dessen sie mit einer zusätzlichen Sägemühle ausgestattet wird (1630 erstmals erwähnt).

Somit erfolgte die Verarbeitung von Getreide, Flachs und Holz gebündelt in einem Betrieb, also jener drei Rohstoffe, die wesentlich waren für ein frühneuzeitliches Gemeinwesen: Die Ernährung basierte auf Getreide, der Flachs diente als Grundstoff für die Bekleidung und das Holz fand als zentraler Werkstoff überall Verwendung.

Bei der Ritzenrieder Mühle handelt es sich um die zweite, historisch fassbare Mühle auf dem heutigen Gemeindegebiet von Jerzens. Die erste verlegte man 1582 von Kienberg ins Dorf Jerzens an den Mühlbach.

Die ersten Besitzer

In den ersten Jahren ihres Bestehens wechselten die Besitzverhältnisse der Mühle zwischen drei Familien. Auf den ersten Besitzer Ulrich Melmer folgte dessen Sohn Christian als Müllermeister, welcher noch eine weitere Mühle besaß, vermutlich die nahegelegene Pfurrmühl bei Zaunhof.

Christian Melmer tauschte 1630 die Ritzenrieder Mühle gegen die Trenkwalder Mühle von Hanns Gstrein, der jedoch nur drei Jahre in Ritzenried mahlte und sagschnitt, bis er die Ritzenrieder Mühle gegen die Pfurrmühl eintauschte, die zu jenem Zeitpunkt Caspar Feineler gehörte. Wie lange dieser die Ritzenrieder Mühle besaß, ist unbekannt, jedenfalls befand sie sich um 1650 wieder in Besitz der Familie Gstrein: Ambros, der Sohn von Hanns, betrieb sie bis zum Ende des 17. Jahrhunderts.

Die Gstrein als Ritzenrieder Müller

Mit der Mühle fanden Ambros Gstrein und seine Familie ein gutes Auslangen. So konnte er 1666 eine Hofhälfte in Rablesau – der taleinwärts liegende Nachbarort von Ritzenried – kaufen sowie 1682 eine Wiese im „Eyele“ – der kleinen Au nahe der Mühle – erwerben. Seine Schwester Christina war mit einem Forstbereiter zu Landeck verheiratet, ein berittener Aufsichtsbeamter für den Wald. Als Ambros 1699 stirbt, bezeichnet ihn der Pfarrer im Totenbuch als „honestus“, das heißt ehrbar. Was sagt das aus?

Der Mühlenbetrieb brachte Ambros nicht nur die nötigen finanziellen Mittel ein, um zusätzliche Güter erwerben zu können, auch genoss seine Familie soziales Ansehen, denn andernfalls hätte seine Schwester kaum einen Beamten heiraten können, und die Bezeichnung honestus findet sich in jener Zeit noch selten in den Matrikelbüchern von Wenns (Ritzenried gehörte damals zur Pfarre Wenns).

Auf Ambros folgte sein ältester Sohn Heinrich als Müllermeister. Heinrich verkaufte die Mühle 1726 an seinen Sohn Thomas zum Preis von 1.000 Gulden. Der Kaufvertrag gibt erstmals genaueren Rückschlüsse darüber, welche Liegenschaften zur Mühle gehörten.

Neben der Getreide- und Sägemühle besaß der Müller ein Wohnhaus sowie Stall und Stadel, wobei alles einen Komplex bildete. Bei diesem lag auch ein Frühgarten, wo man Gemüse anpflanzte. An landwirtschaftlichen Flächen besaß er Wiesen im Mühlfeld, in der kleinen Au, im Maurach, sowie eine Infång genannte Wiese und einen Acker im Rain, je in unmittelbarer Nähe zur Mühle gelegen. Etwas weiter entfernt lag ein Acker in der Koatzilla bei Wiesle, dem talauswärts gelegenen Nachbarort von Ritzenried.

Die Müllerfamilie Sturm

Thomas Gstrein betrieb die Mühle nur etwa eineinhalb Jahre, bis er 1727 starb. Genauer gesagt, er starb am 3. Oktober 1727, einen Tag nachdem sein Sohn Franz zur Welt gekommen war. Der Vormund von Franz verkaufte daraufhin die Mühle an den Müller von Tarrenz, doch als dieser den vereinbarten Betrag nicht aufbringen konnte, erwarb Leonhard Sturm, der die Mühle am Piller besaß, die Ritzenrieder Mühle.

Leonhard Sturm war in St. Leonhard im Pitztal geboren worden. Er mahlte zehn Jahre in Ritzenried und starb 1737. Als Erbin hatte er seine Frau Elisabeth bestimmt, die fortan neben Mühle und Landwirtschaft auch die alleinige Obsorge über die elf gemeinsamen Kinder innehatte.

Nach siebzehn Jahren als Müllerin von Ritzenried übergab Elisabeth 1754 altersbedingt ihren Besitz an den Sohn Jacob, welcher schon in den Jahren zuvor „getreulich und folgsam“, wie es im Übergabevertrag heißt, ihr beim Wirtschaften geholfen hatte. Sie stirbt 1755.

Jacob Sturm: Neubau und Erweiterung des Besitzstandes

Über der Eingangstür der Mühle ist in den Balken die Jahreszahl „1757“ geschnitzt. Wahrscheinlich erfolgte ein Neu- oder größerer Umbau des Gebäudes in jener Zeit, das heißt, ihr heutiges Aussehen dürfte die Mühle in der Mitte des 18. Jahrhunderts erhalten haben.

Doch Jacob Sturm führte nicht nur bauliche Maßnahmen an der Mühle durch, er erweiterte auch die landwirtschaftlichen Flächen durch Tausch und Kauf. Zum Besitzstand, der seit Ambros Gstrein unverändert geblieben war, kam 1770 der Langacker in Ritzenried hinzu, 1772 ein weiterer Frühgarten bei der Mühle und letztlich 1778 zwei Ackerflächen bei Wiesle, eine Wiese im Ritzenrieder Anger sowie zwei Bergwiesen oberhalb der Siedlung (Hochgemein und Staudental).

Thomas Sturm: Wirtschaften in schwierigen Zeiten

Als Jacob 1797 stirbt, übernimmt sein Sohn Thomas den Mühlenbetrieb samt Landwirtschaft – in wechselvollen und schwierigen Zeiten. Verschiedene Selbstverständlichkeiten der Vergangenheit gerieten in Umbruch.

Seit 1770 verbreiteten sich die Erdäpfel allmählich im Tiroler Oberland. Vor allem die staatliche Obrigkeit förderte den Anbau der neuen Feldfrucht, da sie im Gegensatz zum Getreide als weniger witterungsanfällig galt. Getreidemissernten hatten im frühneuzeitlichen Europa immer wieder zu Hungersnöten geführt, besonders schlimm zwischen 1814 und 1817. Für das Pitztal ist belegt, dass in jenen Jahren die Bevölkerung derart unter dem Nahrungsmangel litt, dass sie sich von wildwachsenden Kräutern und Wurzeln ernähren musste.

Die Erdäpfel galten nicht nur als witterungsbeständiger, sie waren auch ertragreicher in Bezug auf Ackerfläche und Nährwerte als Getreide. Zudem konnten sie nach der Ernte unmittelbar weiterverarbeitet werden – ohne Umweg über eine Mühle.

Auch das Mühlenprivileg verschwand infolge der zunehmenden Wirtschaftsliberalisierung. Kaiser Joseph II. verfügte 1789, dass jeder sein Korn mahlen lassen durfte, wo immer er wollte, das heißt, man war fortan nicht mehr an den Müller im Ort gebunden. In Tirol erlaubte man 1821 die Errichtung von Hausmühlen ohne vorherige behördliche Bewilligung. Fortan konnte jeder sein Korn selbst mahlen.

Die letzten Ritzenrieder Müller

Nach dem Tod von Jacob Sturm im Jahr 1838 übernahm dessen Sohn Joseph das Mühlengut. Er erwarb 1855 einen Acker in der Leite. Aus derselben Zeit stammt die erste bildliche Darstellung der Mühle im Franziszeischen Kataster: Vor dem Wohn- und Mühlengebäude befand sich ein freistehender Backofen, das Rinnwerk leitete das Wasser zum Betrieb von Getreide- und Sägemühle von der Pitze ab, und hinter dem Gebäudekomplex führte eine Winterbrücke über die Ach das geschlägerte Holz von der gegenüberliegenden Seite zur Sägemühle bringen zu können.

Aber der Betrieb der Sägemühle rentierte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts immer weniger. Engelbert, der Sohn von Joseph, der 1877 die Mühle übernommen hatte, stellte den Sagschneiderbetrieb 1883 ein. Überhaupt dürften die Verhältnisse von Engelbert und seiner Familie schwierige gewesen sein. Ein Sohn starb während der Wanderarbeit in der Schweiz, ein anderer Sohn verschwand beim Versuch, nach Amerika auszuwandern.

Schließlich verschwand auch Engelbert: Am 11. September 1904 verließ er Ritzenried, ohne seiner Familie Bescheid zu geben; zuletzt sahen ihn an diesem Tag Bekannte am Bahnhof Imst-Pitztal. Der Grund seines Verschwindens sowie sein weiterer Verbleib blieben ungeklärt. Drei Jahre später ließ seine Frau Nothburg die Ritzenrieder Mühle versteigern. Den Zuschlag erhielt die Tochter Franziska.

Franziska heiratete 1908 den aus Rablesau stammenden Engelbert Rumml. In Ritzenried Millars Franza und Millars Engala genannt, waren sie die letzten Müllerleute. Sie betrieben die Mühle, die im Laufe der Jahre wie einst die Sägemühle immer weniger rentabel war, noch bis in die 1950er Jahre.

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Wer sich eingehender mit der Geschichte der Mühle beschäftigen möchte, findet die ausführliche Fassung dieses Text mit Quellenangaben und wissenschaftlichem Apparat hier: https://sermones.hypotheses.org/655

Daniel Johannes Huter

Projekt Kultur und Geschichte Pitztal, LE-77-05-BML-UMSETZUNG-2024-31092